IDAI und andere Herausforderungen in Blantyre – Ndirande

Silvia Hesse Blantyre

Im Frühjahr 2019 hatte der Sturm Idai auch in Blantyre einige Häuser zerstört. Besonders betroffen war Ndirande. Um sich einen Eindruck vor Ort zu verschaffen verabredeten sich Silvia Hesse, Christopher Schmidtpeter und Ralf Waselowsky mit der dortigen Stadträtin Gertrude Chirambo in Blantyre.

Ndirande ist neben Mbayani der größte informelle und am dichtesten besiedelten Teil von Blantyre. Die am Fuße des Ndirandebergs gelegene Siedlung ist vor allem bei den Zugezogenen beliebt, die Wohnraum zu günstigen Mieten suchen. Der südliche Teil besteht aus zwei formell geplanten Siedlungen aus den 60er- und 70er-Jahren sowie der großen städtischen Sekundarschule.

Makata ist der älteste Industriestandort der Stadt und beheimatet unter anderem Textil-, Baustoff-, -getränke und Lebensmittelherstellung.

Gertrude zeigt uns die Bäche, die durch beide Stadtteile fließen und durch Bewohner und Fabriken verschmutzt werden. Kurz vor dem Stadtzentrum fließen sie zu einem Fluss zusammen.

Gertrudes Anliegen und Ziel, die Bäche wieder zu einem Naturerlebnis mit sauberen Wasser und natürlicher Böschung zu gestalten und das Umwelt-Bewusstsein in der Bevölkerung zu fördern.

Erste Station ist die Brücke, die den belebten Stadtteil Chichiri mit seiner Universität und Stadium und Makata verbindet. Der darunter fließende Fluß Mudi speist sich aus dem Coronation Damm, der die städtischen Trinkwasserreserven für den Notfall bereithält. An dieser Stelle ist der Bach noch sauber und ist in eine natürlich bewachsene Böschung gebettet. Gertrude berichtete, dass bei Hochwasser keine Straßen oder Bauwerke zu Schaden gekommen sind, da das Hochwasser bisher nur bis über das angrenzende Maisfeld gestiegen ist, dass illegal auf Brachland angelegt wurde. Die Abholzung und Nutzbarmachung von Naturschutzzonen entlang von Gewässer führte jedoch immer wieder zu Erosionen, was bei Hochwasser für gefährlichen Schlamm sorgt.

Die zweite Station war das Gelände der städtischen Wasserversorgung (Lilongwe Water Board) direkt am Coronation Damm. Von hier konnte der Erddamm und die Überlauf-Rinne von Nahem gesehen werden. Direkt unterhalb des Damms war dichter Wald, der durch eine Wiederaufforstungsmaßnahme entstanden ist. An den Rändern des Stausees, wo sich einst das Forstschutzgebiet (Ndirande Forest Reserve) ausdehnte, wuchsen nur noch Büsche und hohe Gräser. Die Bewohner der nahen Wohnsiedlungen schlugen das Holz, um den hohen Bedarf an Brennmaterial zum Kochen und zur Ziegelproduktion decken zu können.

Die fehlende Vegetation führte zu starken Erosionen sowie schlechter Wasserspeicherung, was zu einem dauerhaft niedrigen Wasserpegel des Stausees führte. Früher wurde der Stausee als Naherholungsgebiet genutzt, das auch ein Bootclub betrieb und bei Anglern beliebt war.

Die dritte Station führte entlang der Straße, die die Siedlung vom ehemaligen Waldreservat trennt. Zunächst passierten wir eine Siedlung der Malawischen Wohnungsbaugesellschaft (Malawi Housing Corporation), die vor etwa 50 Jahren unter staatlicher Führung eine Siedlung für den steigenden Wohnungsbedarf der Fabrikarbeiter errichtete. Schon damals urbanisierte sich das direkt unter dem Ndirandeberg gelegene Dorf durchsteigenden Zuzug.

Als der formelle in den informellen Teil Ndirandes überging endete der Asphaltbelag und auch das Verwaltungsgebiet von Gertrude. Auf der Straßenseite des ehemaligen Waldreservats fand sich all das, das in der Dichte der Häuser keinen Platz mehr fand: Fußballplätze, Müllhalden und Weideland für Ziegen.

Das ehemalige Waldreservat gehört zur städtischen Wasserversorgung und ist Wasser-Einzugsgebiet für den Coronation-Damm. Dadurch darf das Gelände nicht bebaut werden. 

Die Müllberge häuften sich und waren nicht selten Kinderspielplatz und Nahrungsquelle für Ziegen in einem. Informelle, dicht besiedelte Siedlungen Blantyres haben unzureichende Müllentsorgungs-Infrastruktur. Die wenigen Abladeplätze sind zu klein und werden nicht oft genug geleert. Viele Bewohner fühlen sich dadurch von der Stadtverwaltung im Stich gelassen und haben zudem nur einen begrenzten Zugang zu Umweltbildung.

Wir hielten an der Matope Grundschule (Matope Primary School), die den Siedlungsrand an der Bergtraufe markiert. Von hier konnte über ein wiederaufgeforstetes Gebiet geblickt werden, deren junge Bäume schon bis zu drei Meter angewachsen waren. Die Schulleiterin (Headteacher) erklärte uns, dass jedes Jahr zur Regenzeit Bewohner von Ndirande mit finanzieller Unterstützung großer Betriebe Bäume pflanzen. Die Saison wird auch Baumpflanz-Saison genannt, da der Niederschlag ausreicht, um die frisch gepflanzten Triebe ohne zusätzliche Hilfe mit Wasser zu versorgen. Am Ende der etwa viermonatigen Zeit sind die jungen Bäume stark genug, um die anschließende Trockenperiode zu überstehen. Die größte Herausforderung waren jedoch Ziegen, die die jungen Knospen gerne fressen, was die Bäume schließlich absterben lässt.

Die vierte Station führte zurück zu einer Hauptstraße, die das Industriegebiet von Ndirande trennt. Hier, gegenüber einer großen malawischen Brauerei, befindet sich einer der informellen Müllabladeplätze, die Gertrude mithilfe der Anwohner aufgeräumt hat. Auf einem unbebauten Grundstück war ein kleiner Müllberg zu sehen, der noch nicht abgeräumt wurde. Sie hatte im Vorfeld die Initiative „Green Permises Competition“ initiiert und möchte Bewohner dazu anregen aufzuräumen und in der Gartenpflege aktiv zu werden. Die Gewinner erhalten dann einen Preis für die schönste Gestaltung. Mit Unterstützung der Stadtverwaltung konnten an einige Haushalte Müll-Rollcontainer verteilt werden. In einigen Fällen wurden die zur Leerung an den Straßenrand gestellten Container jedoch von Dieben ausgeschüttet und geklaut. Seither werden neue Lösungen für eine gute Müllentsorgung gesucht.

Die nächste Station führte in das Industriegebiet nahe einer Zementfabrik. Der Feinstaub, der auch aus den Schornsteinen anderer Betriebe kam, beeinträchtigte spürbar die Luftqualität.

Der Aufenthalt war kurz, aber informativ: Ganz in der Nähe verlaufen Bahngleise und der Mudi-Fluss, der hier stark verschmutzt wird. Der Fluss wurde illegaler Weise als Abfluss von Abwasser der Sanitäranlagen, Färbereien und Brauereien benutzt. Zuletzt wurden zwei große Unternehmen mit einer Strafzahlung belegt, wodurch nun viele andere Betriebe regelkonform eigene Kläranlagen einbauen.

Wo sich bisher jedoch noch nichts bewegt hat ist die Umsiedlung von etwa 20 Familien von Dienstwohnungen, die ebenfalls im Industriegebiet liegen und der Luftverschmutzung ausgesetzt sind. Gleich neben dem Zementwerk lag dagegen eine ehemalige Sekundarschule für Mädchen, die aufgrund der zunehmenden Verschmutzung schon vor Jahren in die Siedlung versetzt wurde, zu der die nächste Station führt.

Während die vorhergehende Siedlung durch die Wohnbaugesellschaft errichtet wurde, wurden diese Wohnhäuser vor etwa 50 Jahren privat finanziert und erbaut. Als Grenze zwischen Ndirande und dem Stadtteil Nyambadwe dient der Nasolo-Bach.

Am Ufer konnten wir drei weitere Initiativen von Gertrude besichtigen, die sie bereits umgesetzt hat. Auf einem unbebauten Gebiet stellte die Stadtverwaltung Platz für ein Nachbarschaftshaus zur Verfügung, das sie mithilfe von internationalen Spenden erbauen ließ. Die etwa 300m2 fassende Halle war noch bis auf eine Tribüne unmöbliert, konnte aber schon die ersten Senioren-Treffen aufnehmen.

Ein weiteres international unterstütztes Vorhaben war der Bau einer Fußgängerbrücke aus Stahlbeton, die die Siedlung mit einer nahegelegenen Hauptstraße verband. Nur drei Jahre nach ihrer Einweihung zeigen die Fundamente erste Risse durch die Unterspülung von Regenwasser, das über den unbefestigten Zuweg fließt. Die Brücke wurde gut angenommen und war deshalb für politische Konkurrenten ein Dorn im Auge. Gertrude berichtet, dass schon zwei Mal versucht wurde die Brücke durch Gewalteinwirkung zum Einstürzen zu bringen. Eine einige Meter stromabwärts gelegene neuere und einfachere Brücke übergab sie deshalb in die Verantwortung der Anwohner, die seither darauf Acht geben.

Wie an anderen unbebauten Grundstücken konnte auch hier die Landnahme durch fremden Getreideanbau und illegale Mülldeponien beobachtet werden. Die Böschung neben den neuen Brücken wurde dafür genutzt, Müll in den Bach zu kippen oder dort zu verbrennen. Der giftige Staub, der beim Verbrennen von Plastik entsteht, beeinträchtigt Passanten und gelangen als Rückstände in das Gewässer. Zusammen mit der Stadtverwaltung möchte Gertrude auf dem Gelände als nächstes Projekt einen Stadtteilpark mit einer gut verwalteten Mülldeponie errichten, die das Nachbarschaftshaus als gemeinschaftliche Einrichtung ergänzen sollen.

Die nächsten Stationen waren alte Wohnhäuser, die durch das Unwetter beschädigt waren.  Gertrude ist Teil eines Gremiums aus Anwohnern, die Bedürftige und Benachteiligte in der Nachbarschaft bestimmen, die beim Bau oder der Renovierung ihrer Häuser unterstützt werden sollen. Sie wird vor Ort sehr geschätzt.

Das erste Gebäude bestand aus Lehm, der ausgewaschen war, so dass die Wände instabil wurden. Bewohnt wurde es von einem jungen Mann, der das Haus von seinen Eltern geerbt hatte, jedoch durch eine Krankheit erwerbsunfähig ist. Das Haus soll im Zuge der Unterstützung abgetragen und durch ein Gebäude mit Wänden aus gebrannten Ziegeln ersetzt werden.

Das zweite Anwesen wurde durch das Unwetter teilweise zerstört. Seither nutzt die Familie nur wenige Räume zu Wohnzwecken und wird deshalb für den Wiederaufbau unterstützt.

Das dritte Anwesen bestand aus einem Wohnhaus aus Holz-Lehm-Wänden und gehört einem älteren Mann. Seine einzige Einnahmequelle war die Vermietung seiner Räume an eine Privatschule. Er selbst lebt in einem kleinen Bereich, dessen eingefallene Wand durch Stofftücher ersetzt wurde. Trotz seiner prekären Lage half er der Gemeinschaft bei Straßenbauarbeiten und durch sein Batterieradio (wailesi) bestens über das Weltgeschehen informiert.

Gertrude wünscht sich für ihre Amtszeit, dass traditionell gebaute Lehmhäuser durch große Ziegelhäuser ersetzt und die Straßen asphaltiert werden. Bis dahin muss noch einiges geschehen. Abschließend besuchten wir das Haus, in dem Gertrude aufwuchs und Ihre Mutter und ihre Schwester uns herzlich empfingen.