Bericht: Die Tage nach der Katastrophe

julian Allgemein, Freiwillige

Malawi: Tage, Wochen, Monate sind vergangen nach den schweren Regenfluten. Der Süden ist am schlimmsten betroffen. Eine viertel Millionen Menschen sind obdachlos und 230.000 Mensch sind nicht in der Lage zurück zu ihren Häusern zukehren und sie wiederaufzubauen, da einige Teile des Landes immer noch überflutet sind, aber ihnen auch das Geld fehlt. Andere Menschen und Tiere sind abgeschnitten von der Außenwelt und müssen somit von Hubschraubern mit Essen und Trinkwasser versorgt werden. Manche Dörfer sind zerstört, durch die Regenfluten. Die Häuser, die nur aus Lehm und Ziegeln erbaut wurden, sind eingestürzt, Teile von Straßen, Berghänge brachen ab und die Ernte ist für die nächsten Monate ruiniert.

Nach UNICEF sind 267 Menschen gestorben und 645 Menschen schwer verletzt. Tausende Menschen sind in bei Familien oder Freunden untergebracht, in einigen 2-Zimmer Wohnungen leben bis zu 13 Personen. Aber auch Kirchen, andere öffentliche Gebäude oder Notfallcamps nehmen Obdachlose auf. Viele dieser Notunterkünfte haben jedoch nicht genug Nahrungsmittel und Trinkwasser. Die Menschen versuchen sich selber zu versorgen, so gut es geht. Sie holen Trinkwasser aus Brunnen, die bis zu fünf Stunden Fußweg sind oder versuchen irgendwo zu arbeiten, um Nahrungsmittel kaufen zu können. Aber auch die Preise der Lebensmittel steigen an. Wohlhabende, die beispielsweise viel Vieh hatten, aber auch arme Menschen haben nichts mehr um Nahrungsmittel zu bezahlen. Hinzufügend wurden auch tausende Tiere von den Fluten mitgerissen.
Es gab auch eine Zeit indem es kaum (Trink-)Wasser gab. Tagelang waren Regale in manchen Supermärkten leer und auch die größten Wassercontainer neigten sich zum Ende. Die örtlichen Wasserversorgungen waren überfordert, da vieles überflutet und verschlampt war. Auch die Oberschicht machte sich Sorgen um die Situation und viele nutzten notgedrungen das Wasser aus Swimmingpools. Die Unterschicht musste Wasser in ihrem Ort oder außerhalb suchen.

Es war immer die Angst, dass sich Seuchen wie Cholera ausbreiten würde, da viele provisorische Toiletten durch das Unwetter zerstört und überschwemmt wurden. Ich habe dennoch nichts Weiteres erfahren. Doch die Zahl der Malaria erkrankten stieg rasant. Es fehlten Blutspenden, da Blut nötiger gebraucht wurde, als jemals zuvor, sodass die Ärzte selber ihr Blut spendeten. Manche öffentliche Krankenhäuser haben nicht die nötigen Ressourcen. Sie sind überfüllt, haben keinen Generator bei Stromausfällen und manche Tage auch kein Wasser. Doch es geht bergauf. Es wurden Spenden gesammelt, Hilfsorganisationen bieten ihre Hilfe an und die Regenflut hat endlich ein Ende. Die Leute haben wieder Hoffnung und Kraft und helfen sich untereinander.

 

Jacaranda: Direkt ist Jacaranda school for orphans nicht vom Unwetter betroffen gewesen, es sind nur wenige Bäume umgekippt. Die Betroffenen sind viele der Schüler und Arbeitskollegen.
In der ersten Zeit wurde die Schule wegen des Unwetters geschlossen. Nach einigen Tagen und Spendenaufrufen fand sich eine Gruppe von Schülern zusammen, die sich freiwillig erklärt haben Spenden in den Dörfern auszuteilen, wie Decken, Seife und Mais, die durch die Spenden gekauft wurden. Auch ich bin paar Mal mitgekommen. Es war einerseits spannend zu sehen, wie andere Teile des Dorfes aussahen und wo die Schüler in der aktuellen Situation untergebracht wurden, aber auf der anderen Seite hat es mich sehr getroffen, als sie mir erzählten wo ihr Zimmer war und das ihre persönlichen Besitztümer unter der Ruine ihres alten zuhause lagen. Die Menschen waren sehr glücklich und dankbar, als wir mit den Spenden kamen, aber besonders dankbar waren sie, als Marie, die Gründerin der Jacaranda Schule, sich zu ihnen hingesetzt hat und sich mit ihnen unterhalten haben. Sie ist eine populäre Frau im Dorf, da sie hier groß geworden ist, jeder ihre Mutter kannte und versucht alles zu machen, dass es den Menschen besser geht. Nach wenigen Tagen kam eine ältere Dame zur Schule und fragte nach einer neuen Decke, da ihre gestohlen wurde, von ihren eigenen Enkelkindern. Sie denken nämlich, dass Jacaranda wieder eine neue Decke zur Verfügung stellen wird. Viele Schüler, die Spenden, wie Bücher, Schultaschen oder Brillen bekommen, werden von ihren eigenen Familienmitgliedern beklaut und verkaufen diese, um an Geld zu kommen. Wir konnten der alten Dame keine weitere Decke geben. Wenn wir es täten, würden alle herkommen und fragen.

Der Schulalltag ist schnell wieder zurückgekehrt und die ersten Prüfungen stehen vor der Tür. Die Lehrer sind aufgeregter als die Schüler und keiner redet mehr über das Unwetter. Als ich rumgefragte, welches Haus demoliert bzw. zerstört wurde, war es jedes dritte Kind. Sie erzählte mir, dass einige draußen schliefen, weil sie Angst hatten vor einem Einsturz ihres Hauses, das ihnen Schuhe, Hefte oder Decken geklaut wurden und das auch viele von beispielsweise einstürzenden Hausbalken verletzt wurden. Es sind auch viele Schüler und Arbeitskollegen erkrankt, oftmals an Malaria.

In den ersten Tagen hatten wir Wasserprobleme und manch ein Tag wurde die Schule eher geschlossen. Seit kurzem haben wir unseren eigenes Bohrloch und einen Wassertank, sodass es nicht mehr dazu kommen muss. Es waren nämlich wirklich schlimme Tage ohne Wasser. Eine Lehrerin erzählte mir, sie achte bei ihrer Familie streng darauf, das jeder nicht zu viel Wasser trinkt, damit es für den nächsten Tag überhaupt noch reicht. Ich gab ihr deshalb einer unserer letzten kleinen Wasserkanister, damit sie für die nächsten Tage ausgesorgt hat.

Jacaranda startete das neue Projekt, Häuser der betroffenen Schüler wiederaufzubauen bzw. neuerbauen. Die ersten Häuser sind fertig. Sie sehen aus, als wäre niemals etwas passiert.

 

volunteers on the truck

 

Meine Sicht: Ich selber war auch nicht direkt vom Unwetter betroffen. Ich hatte tagelang kein Strom, keine Wasser, einer unserer Hauswände wurde feucht und es entstand Schimmel und die Lebensmittelpreise stiegen an. Aber es störte mich nicht. Elektrizität ist nicht überlebenswichtig, an Wasser würde ich kommen, da unsere Vorgesetzten gute Kontakte haben und sich um uns sorgen und ich habe das Geld, um mir immer noch Lebensmittel zu kaufen. Ich war nur glücklich ein Dach über dem Kopf zu haben und wollte versuchen meinem Projekt, besonders den Kindern, zu helfen Gelder zu sammeln.
Ich konnte keine Häuser wiederaufbauen und nicht gegen eine Naturgewalt ankommen, das war mir immer bewusster, aber ich wollte für die Menschen da sein und von ihnen und ihrem Schicksal berichten. Ich fühlte mich mitverantwortlich, da dieses Projekt mein neues zuhause ist und somit schrieb ich meinen „etwas anderen Hilferuf“:

 

Diesen Hilferuf habe ich an meine Familie und Freunde geschickt, Organisationen, Kirchen, Schulen und Firmen angeschrieben, aber auch Medien, wie Zeitungsverlage, Radio- oder Fernsehsender darauf aufmerksam gemacht. Ich habe mich sehr unter Druck gesetzte und war enttäuscht, dass der Großteil meinen Hilferuf ignorierte. Ich stand sehr kritisch zur Presse. Es kamen Fragen auf Frage, wieso so wenig bzw. gar nicht über diese Naturkatastrophe berichtet wurde. Ist es, weil diese Naturgewalt noch nicht „genug Schaden angerichtet und zu wenig Menschen mit in den Tod gezogen hat“? Oder ist es, weil Deutschland keine enge Verbindung zu Malawi hat, wie beispielsweise im politischen oder wirtschaftlichen Rahmen? Diese Fragen ließen mir keine Ruhe. Denn eines habe ich, besonders hier in meinem Freiwilligendienst, gelernt, dass Medien, wie die Presse oder auch Radiofunk eine große Macht haben. Die Macht der Information, des Wissens und der Veröffentlichung. Nur durch einen kleinen Artikel oder einen Werbespruch erreichen sie tausende von Menschen, die sie (unterbewusst)beeinflussen. Dennoch wurden drei Artikel verfasst. Einen von meinem Mitfreiwilligen Till, der einen Spendenaufruf in seinem Heimatort startete, einen Artikel in meinem Heimatort über die katastrophalen Zustände und meinem Freiwilligendienst und einen Artikel in Hannover über die allgemeine Situation, bei dem ich mitgewirkt habe. Aber vielleicht sind es die Menschen es Leid immer helfen zu müssen indem sie spenden, vielleicht wissen sie nicht wo sie anfangen sollen, vielleicht haben sie ihre eigenen (finanziellen) Probleme oder vielleicht stehen sie kritisch zum Spenden, da es nur kurzfristig hilft und nach neuen Gelder gefragt wird und die Garantie fehlt, dass diese Gelder für diese Projekte genutzt werden.

Lasst mich eines zu Jacaranda sagen. Auch ich war ein wenig skeptisch, dass sich unsere Schule nur durch Spenden finanziert, aber wie sollen Waisenkinder die Schule bezahlen. Sie haben nichts und keinen der es für übernehmen können. Sie wohnen entweder mit ihren Großeltern, die sehr alt sind und selber Hilfe benötigen, bei Freunden oder Familienmitglieder, die die Kinder gezwungenermaßen aufnahmen und selber ihre Familie finanzieren müssen oder sie wohnen alleine. Aber wenn diese Waisenschüler es schaffen einen Abschluss zu erlangen, vielleicht auch zu einer Universität gehen und einen qualifizierten Beruf erhalten, können sie mit einem Teil ihres Geldes die Schule mitfinanzieren. Es ist wie ein Generationsvertrag. Es freut mich zu hören, dass einige ehemalige Schüler die Schule unterstützen oder dass es ein Ziel einiger Schüler ist, die noch die Schulbank drücken. Kinder benötigen erst einmal die Grundbedürfnisse um sich auf das Lernen zu konzentrieren. Es ist unmöglich sich zu konzentrieren, wenn man Probleme zuhause hat, Hunger, Durst oder Müdigkeit. An der Jacaranda versuchen wir diese Sorgen abzunehmen, indem die Schule Trinkwasser, zwei Mahlzeiten, medizinische Versorgung zur Verfügung stellt, dass die Schüler bei Problemen Ansprechpartner finden, dass jedes Kind ein sicheres zuhause hat und noch vieles mehr.

All diese Probleme kann ich nachvollziehen. Was für mich persönlich einer der bizarrsten Situationen war, war als ich zum Treffen der deutschen Community von Südmalawi ging. Es war kurz nach dem starken Regen und es war das Thema Nummer eins dieses Treffens. Die Frauen und Männer klagten, dass sie seit Tagen kein fließend Wasser haben, dass sie nur kleine Trinkwasserflaschen kaufen können, da die Großen Flasche ausverkauft sind, sie klagten darüber, dass sie ihr Wasser aus dem Swimmingpool benutzen müssen, für die Toilettenspülung und dass es sich in der nächsten Zeit nicht viel ändern wird. Ich habe mich unwohl gefühlt. Wenige Stunden vor dem Treffen war ich bei einigen betroffenen Schülern, die kein zuhause mehr hatten, doch sie haben mich angelächelt und über etwas anderes geredet. Einen anderen Nachmittag bin ich mit einem Freund einkaufen gefahren, wir wollten uns einige Caipirinha mixen, er jedoch hat Alkohol in Wert von 40 Euro gekauft. Ich war verwirrt, sprachlos und traurig, da ich mit einigen Schülern zusammen gebacken habe und Tee getrunken. Sie waren so glücklich, als ich ihnen Zucker und Mich angeboten habe. Sie erzählten mir sie würden nie oder selten diese Produkte verzehren, da es viel zu teuer für sie und ihre Familie ist. Auch der Kuchen war ein Highlight des Tages, da sie so einen noch nie zuvor probiert haben und sie auch stolz waren, ihn selber gebacken zu haben. Andere Menschen kaufen sich Alkohol für einen Abend im Wert von einem Lehrergehaltes im Monat. In diesen Situationen fiel es mir schwer die deutsche Community oder meinen Freund zu verstehen, da ich Menschen kenne, die andere Sorgen haben. Aber ich selber erwische mich, wie ich mir Sorgen nur über Kleinigkeiten mache, wo ich trotzdem denke, dass es kleine Sorgen sind, aber immer noch meine Sorgen. Ich denke jeder hat Sorgen und Schwierigkeiten nur auf einem anderen Level. Eine Sorge war von mir, dass ich erkrankte. Ich hatte alle Symptome, die man nur haben konnte: hohes Fieber, Bauchschmerzen, Übelkeit und Erbrechen, Durchfall usw. Ich hatte Verdacht auf Malaria, deshalb fuhr ich in eine Privatklinik, wie ich schon erwähnt habe, die öffentlichen Krankenhäuser keine Ressourcen haben. Ich habe einen Bluttest machen lassen und glücklicherweise war das Ergebnis „nur“ eine bakterielle Infektion, somit wurden mir haufenweise Medikamente verschrieben und Bettruhe.

Ich bin sehr dankbar für all die Menschen dich mich und Jacaranda in dieser schweren Situation unterstützt haben, sei es mit einer Spende, Hilfe oder Beistand. Ich wünsche ihnen und ihren Familien nur das Beste. Zikomo! (Danke auf Chichewa)

Herzliche Grüße
Sofia